Sanierung Tagungshaus Loheland

Projekt: Energetische und denkmalgerechte Sanierung des historischen Tagungshauses

Bauherr: Lebensgemeinschaft Loheland e.V.

Standort: Loheland (Künzell, Hessen)

Baujahr: 1930er Jahre

Nutzfläche: 1.340 m²

Architekt: Collinprojekt

Denkmalstatus: Einzeldenkmal (§ 2 HDSchG) innerhalb des Gesamtensembles


1. Einleitung und städtebaulicher Kontext

Das Tagungshaus der Lebensgemeinschaft Loheland ist ein herausragendes Zeugnis der deutschen Reformarchitektur der Zwischenkriegszeit. Gegründet in den 1920er Jahren als Siedlungs- und Bildungsprojekt, entwickelte sich Loheland schnell zu einem weit über die Grenzen Hessens hinausstrahlenden Innovationszentrum der Lebensreformbewegung. Die dort entstandene Architektur spiegelt die Kernwerte dieser Bewegung wider: Naturverbundenheit, Handwerklichkeit, Lichtbezug und eine radikale, funktionale Schlichtheit.

Eingebettet in das geschützte Gesamtensemble der Loheland-Siedlung, nimmt das in den 1930er Jahren errichtete Tagungshaus eine zentrale Rolle für das gemeinschaftliche Leben und den Seminarbetrieb ein. Als klassifiziertes Einzeldenkmal verkörpert es den Übergang von expressionistischen Holzbautraditionen hin zu einer sachlichen, landschaftsbezogenen Moderne.


2. Ausgangslage und Bestandsanalyse

Vor Beginn der Planungen präsentierte sich das Gebäude in einem substanziell kritischen und ästhetisch stark beeinträchtigten Zustand. Durch eine Reihe unsachgemäßer Umbauten, Modernisierungsversuche und pragmatischer Umnutzungen in den Nachkriegsjahrzehnten war die ursprüngliche Entwurfsidee kaum noch lesbar.

Hauptdefizite vor der Sanierung:

  • Verunstaltung der Fassade: Die Rhythmik der ursprünglichen Fensteröffnungen war durch den Einbau unproportionaler Standardfenster (teilweise in Kunststoff) zerstört worden. Historische Klappläden fehlten weitgehend.
  • Innenraumüberformung: Wertvolle originale Oberflächen (Lehmputze, historische Dielen, bauzeitliche Farbfassungen) wurden durch Trockenbauwände, abgehängte Decken und irreversible Bodenbeläge (PVC/Teppich) überdeckt oder zerstört.
  • Strukturelle Eingriffe: Die ehemals großzügige, lichtdurchflutete Raumaufteilung des Tagungsbereichs war durch kleinteilige Raumtrennungen zugunsten temporärer Nutzungen verbaut.
  • Energetischer Notstand: Fehlende Dämmung, feuchtebedingt geschädigtes Mauerwerk und eine veraltete Haustechnik führten zu enormen Betriebskosten und gefährdeten die Bausubstanz.

3. Architekturkonzeption und Sanierungsziele

Das übergeordnete Ziel der Sanierung war keine historisierende Rekonstruktion, sondern das Wiederfreilegen der architektonischen Qualität und der beeindruckenden Einfachheit der ursprünglichen Konzeption. Die Architektur der Lebensreform verstand Einfachheit nicht als Mangel, sondern als gestalterischen Luxus und Konzentration auf das Wesentliche.

Leitlinien des Entwurfs:

  1. Rückbau und Klärung: Konsequenter Rückbau aller nicht-bauzeitlichen Einbauten, um die originale Großzügigkeit der Räume und die klare Wegeführung wiederherzustellen.
  2. Materialehrlichkeit: Verwendung von natürlichen, diffusionsoffenen und regionaltypischen Materialien, die dem Geist der Entstehungszeit entsprechen (Kalk- und Lehmputze, Massivholz, Leinölfarben).
  3. Licht und Proportion: Wiederherstellung der fensterbänderartigen Öffnungen, um das für Loheland typische Wechselspiel zwischen Innenraum und umgebender Naturlandschaft wieder erlebbar zu machen.

4. Denkmalpflegerische Abstimmung und Umsetzung

Die gesamte Maßnahme erfolgte in kontinuierlicher, enger und partnerschaftlicher Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen (LfDH) sowie der Unteren Denkmalschutzbehörde.

Fassade und Hülle

Die Außenhaut wurde nach historischem Befund saniert. Die verunstalteten Fenster wurden durch filigrane, denkmalgerechte Holzfenster mit originalen Profilbreiten und historischer Teilung ersetzt. Die Putzoberfläche wurde in Absprache mit den Restauratoren in ihrer typischen, leicht unregelmäßigen Struktur und Farbigkeit als mineralischer Kratzputz erneuert. Die charakteristischen Klappläden wurden nach Fotobefunden rekonstruiert und gliedern nun wieder die Fassade.

Innenraum und Materialität

Im Inneren wurden die historischen Holz- und Terrazzoböden, wo noch vorhanden, aufwendig restauriert. Verlorene Flächen wurden materialidentisch ergänzt. Besonderes Augenmerk lag auf den Wänden: Schichten von Dispersionsfarben und Tapeten wurden abgetragen, um den originalen Lehm- und Kalkputz freizulegen. Die Neufassung erfolgte ausschließlich mit mineralischen Pigmenten in Abstimmung mit der restauratorischen Befunderhebung. Das Ergebnis ist eine matte, lebendige Wandoberfläche, die das einfallende Tageslicht weich streut und maßgeblich zur beruhigenden Atmosphäre des Tagungshauses beiträgt.

Barrierefreiheit und Haustechnik Integration

Die größte Herausforderung bestand darin, die Anforderungen an ein modernes, barrierefreies Tagungshaus und den Brandschutz unsichtbar in die sensible Substanz zu integrieren. Die Leitungsführung der komplett erneuerten Haustechnik wurde geschickt in ohnehin notwendigen Funktionszonen oder im Fußbodenaufbau untergebracht, sodass keine sichtbaren Kanäle oder abgehängten Decken das Raumbild stören.


5. Fazit

Die Sanierung des Tagungshauses Loheland zeigt exemplarisch, wie durch den respektvollen Rückbau und die Besinnung auf die Werte der Lebensreformbewegung ein zukunftsfähiger Ort der Begegnung entstehen kann. In enger Allianz mit der Denkmalpflege wurde die verunstaltete Substanz von den Schichten der Jahrzehnte befreit.

Das Gebäude besticht heute wieder durch das, was es schon 1930 auszeichnete: eine Ästhetik der Reduktion, handwerkliche Perfektion im Detail und eine spürbare Harmonie mit seiner Umgebung. Das Tagungshaus ist damit wieder ein lebendiger und authentischer Botschafter der Loheländer Idee.